Prof. Dr. Friedrich Heinemann           |  Jan Döhler                                 

„Deutschland hat sich als flexibler erwiesen als die Angelsachsen“

Jan Döhler: Herr Professor Heinemann, wie bewerten Sie die jüngst von der EU getroffenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Krise allgemein? Ist die Entscheidung für EZB- sowie ESM-Hilfen und gegen Corona-Bonds die richtige?

Prof. Dr. Heinemann: Die EU-Regierungschefs haben sich auf ein ausgewogenes Paket geeinigt und europäische Solidarität unter Beweis gestellt. Das Gesamtpaket unterstützt die Mitgliedstaaten dabei, die ökonomischen Schäden der Lockdowns zielgenau abzufedern. Der 100-Milliarden-Topf mit dem Namen SURE soll europäisches Geld für Kurzarbeit bereitstellen. Neue Kreditlinien der Europäischen Investitionsbank werden helfen, die Anzahl der Unternehmensinsolvenzen wegen Illiquidität zu verringern. Oben drauf kommt eine vorsorgliche Kreditlinie des europäischen Rettungsschirms ESM für besonders bedrängte Länder. Zusammengenommen ist das ein 500-Milliarden-Paket, das ist eine beachtliche Hausnummer. Dazu soll im nächsten Rahmenplan für den EU-Haushalt der Jahre 2021 bis 2027 zusätzlich eine Billion Euro für den Wiederaufbau nach Corona mobilisiert werden.

Corona-Bonds, bei denen alle europäischen Staaten gesamtschuldnerisch haften, sind zunächst einmal vom Tisch. Das ist gut so, sie würden mehr Schaden anrichten als nützen. Man darf die gefährliche Signalwirkung an den Kapitalmärkten nicht unterschätzen. Dieses neue Instrument könnte als Eingeständnis wirken, dass ein Land wie Italien nicht mehr kreditwürdig ist. Damit könnten die Corona-Bonds möglicherweise die Krise auslösen, die sie angeblich vermeiden sollen.

Im Übrigen kosten sehr wichtige europäische Maßnahmen zur Krisenbekämpfung fast kein Geld. So ist es von enormer Bedeutung, die Grenzen für den Güterhandel offen zu halten und auch wieder rasch Wege für die Mobilität zumindest von Geschäftsreisenden zu finden. Das wäre vielleicht noch bedeutsamer für die Erholung als immer neue Milliardenpakete.

Jan Döhler: Was bedeutet die Corona-Krise für die Zinspolitik der EZB und anderer Notenbanken? Werden die Zinsen dauerhaft niedrig bleiben oder wird eine Inflation zu Gegenmaßnahmen zwingen?

Prof. Dr. Heinemann: Die nun zu erwartende schwere Rezession hat alle Erwartungen auf ein absehbares Ende der EZB-Negativzinsen vorläufig zunichte gemacht. Wenn durch die umfangreichen Krisenmaßnahmen und die hohen neuen Wertpapierkäufe eine neue Inflationsdynamik in Gang käme, dann müsste die EZB die Zügel natürlich wieder anziehen. Nur ist weit und breit keine Inflation am Horizont erkennbar. Nicht nur der krisenbedingte Absturz der Ölpreise, sondern auch der starke Rückgang der Nachfrage wird jetzt eher für fallende Preise sorgen. Ich rechne damit, dass wir schon bald einige Monate mit negativer Inflationsrate, also Deflation, sehen werden.

Investoren sollten definitiv wachsam sein, ob aus den ganzen Orgien von geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen nicht doch irgendwann Inflationsgefahren resultieren. Das ist aber eher ein Thema für die mittlere und lange Frist.

Jan Döhler: Was sind die Folgen für die Finanzierungskosten, genauer gesagt für die Immobilienfinanzierung?

Prof. Dr. Heinemann: Der Kapitalmarktzins für gute Risiken bleibt sehr niedrig. Das ist erst einmal sicher eine sehr gute Nachricht für die Immobilienfinanzierung; nicht nur für die Finanzierung neuer Objekte, sondern auch für die Refinanzierung auslaufender Hypothekenkredite. Allerdings wächst die Sensibilität der Banken für Bonitätsrisiken – sowohl im gewerblichen wie im privaten Bereich.

Für private Häuslebauer war der unbefristete Arbeitsvertrag bei der Lufthansa oder „beim Daimler“ bisher vollkommen ausreichend, um auch ohne Eigenkapital einen beträchtlichen Kreditrahmen zu erlangen. Das ist angesichts von Kurzarbeit und wachsenden Jobrisiken auch bei vor Kurzem noch scheinbar sicheren Arbeitgebern jetzt erst einmal anders. Ich rechne daher auch mit steigenden Risikoaufschlägen.

Jan Döhler: Was heißt das für den Immobilienmarkt als Ganzes?

Prof. Dr. Heinemann: Der Immobilienmarkt gehört derzeit zu den recht stabilen Säulen der deutschen Volkswirtschaft. Ein stattliches Auftragspolster stützt immer noch die Bauleistungen. Und es bleibt dabei, dass Investoren mit Bankeinlagen oder sicheren Finanzanlagen wie deutschen Staatsanleihen real und zum Teil auch nominal Geld verlieren.

Hinzu kommt das psychologische Element: Im Lockdown und in der Ära des Reiseverbots lernen die Menschen wieder, von welchen Dingen ihr Wohlergehen im Ernstfall wirklich abhängt. Und die eigenen vier Wände gehören eben zu diesen essenziellen Dingen.

Natürlich sind Wohn- und Gewerbeimmobilien heute in der Tendenz weniger wert als noch Ende Februar, vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Bei der Bewertung von Gewerbeimmobilien ist mit anhaltenden sektoralen Verschiebungen zu rechnen. Objekte des stationären Einzelhandels stehen auf der Verliererseite, bei den Büroimmobilien könnte es hingegen zu einer steigenden Nachfrage nach Fläche kommen. Die bislang als hip geltenden, eng mit Menschen vollgepackten Großraumbüros dürften durch Corona erst einmal an Reiz verlieren.

Die Preisvolatilität im Immobilienbereich bleibt ungleich geringer als für andere Vermögenswerte, wenn man etwa die ungeheuren Schwankungen selbst breit diversifizierter Aktienportfolios oder bei den Rohstoffen betrachtet. Die Corona-Krise wird wie der Dot-Com-Crash der Jahrtausendwende wirken. Der hat im Grunde mit die Grundlage für den Aufschwung des deutschen Immobilienmarktes gelegt. Daher wird der Sektor nach der Corona-Krise rascher zur alten Stärke zurückfinden als viele andere Bereiche.

Jan Döhler: Wie könnte ein Ausstieg aus den Corona-Hilfspaketen aussehen und für wann erwarten Sie ihn?

Prof. Dr. Heinemann: Da habe ich eine pessimistische und eine optimistische Botschaft. Um mit der schlechten Nachricht zu beginnen: Ich glaube, dass die Erwartungen aus den ersten Wochen der Krise auf eine rasche und vollständige Erholung schon nach wenigen Monaten völlig unrealistisch waren. Wir stehen derzeit noch am Beginn der Krise, es werden sich jetzt erst einmal Krisenverstärker bemerkbar machen. Der Welthandel stürzt ab, die Arbeitslosigkeit steigt auch bei uns. Hinzu kommen die Sorgen um Südeuropa und eine neue Schuldenkrise in den Schwellenländern.

Was mich auf der anderen Seite wirklich positiv stimmt, ist die enorme Resilienz, die weite Teile der deutschen Industrie und auch der Dienstleistungsbereiche mit ihren Arbeitnehmern an den Tag gelegt haben. Während sogar im Vereinigten Königreich oder in den USA der Lockdown auch die weitgehende Einstellung der Wertschöpfung bedeutet, hat Deutschland seine Fabriken in den meisten Fällen am Laufen gehalten. Und viele Arbeitnehmer waren zwar plötzlich ins Homeoffice verbannt, sind dort aber nicht weniger produktiv als vorher. Deutschland hat sich im Grunde als flexibler erwiesen im Umgang mit der Krise als die angeblich so flexiblen Angelsachsen. Das lässt hoffen für unsere Chancen auf eine rasante Erholung. Auf die müssen wir aber vielleicht eher zwei Jahre als ein Jahr warten.