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Zweigleisige Infrastruktur

2. Apr. 2026

Daniel Kerbach  |  BayernInvest

Europa diskutiert regelmäßig über die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Die wirtschaftliche Zukunft beginnt allerdings nicht in Sonntagsreden, sondern bei Stromnetzen, Verkehrsachsen, digitaler Infrastruktur und industrieller Modernisierung. Genau dort liegt Europas größtes Versäumnis, aber auch die größte Chance des alten Kontinents. Wir erleben einen historischen Wendepunkt. Die alte Logik, nach der der Staat nur den Rahmen setzt und der Markt den Rest regelt, greift nicht mehr. Heute wird Infrastruktur wieder strategisch. Der Staat ist nicht länger nur Schiedsrichter, sondern auch Auftraggeber. Dies ist kein ideologischer Kurswechsel, sondern eine ökonomische Notwendigkeit. Daraus ergibt sich eine unbequeme Wahrheit: Wer Wachstum, Produktivität und strategische Autonomie ernst nimmt, muss den Ausbau der Infrastruktur zur wirtschaftspolitischen Priorität machen. Ohne leistungsfähige Netze ist eine Energiewende nicht möglich, ohne digitale Systeme ist eine industrielle Erneuerung nicht realisierbar, ohne moderne Verkehrswege ist eine resiliente Wertschöpfung nicht umsetzbar und ohne militärische Infrastruktur sind Wohlstand, Frieden und Freiheit nicht gewährleistet. Deshalb reicht es aus Anlegersicht nicht, nur auf die klassischen Betreiber der bestehenden Infrastruktur zu schauen. Um den gesamten Investitionszyklus zu nutzen, müssen beide Seiten betrachtet werden: jene Unternehmen, die stabile, oft inflationsgeschützte Erträge erwirtschaften – klassische Dividendenzahler. Und jene, die den Umbau überhaupt erst ermöglichen und Wachstum ins Depot bringen. Erst im Zusammenspiel von „Betreibern“ und „Machern“ wird die tatsächliche Tiefe von Europas Infrastrukturwende auch im Depot sichtbar. Aktienstrategien sollten diesen „zweigleisigen“ Ansatz fahren.

Dieser Kommentar erschien am 26.03.2026 in Euro am Sonntag.

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