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„Die Bau- und Immobilienbranche hat eine sehr große Verantwortung“

5. Jan 2020

Dr. Christine Lemaitre  |  Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB)

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) ist eine Non-Profit-Organisation, die Zertifikate für nachhaltige Gebäude und Quartiere vergibt. Mit Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB, sprach PB3C darüber, was Nachhaltigkeit im Immobiliensektor bedeutet und welche Verantwortung die Wirtschaft dabei trägt.

PB3C: Nachhaltigkeit droht zum Modewort zu werden, unter dem jeder etwas anderes versteht. Was verstehen Sie beziehungsweise die DGNB unter Nachhaltigkeit, was zeichnet sie aus?

Dr. Christine Lemaitre: Für uns ist Nachhaltigkeit qualitäts- und zukunftsorientiertes Bauen. Dahin muss es auch wieder zurückgeführt werden. Wie Sie sagen, Nachhaltigkeit ist ein sehr häufig gebrauchter und teilweise auch missbrauchter Begriff, der natürlich darunter leidet, dass jeder ihn für sich selbst definiert. Wir versuchen grundsätzlich, in der Branche zu verankern, dass es um Qualität geht, dass es um zukunftsorientiertes Bauen geht. Und damit auch um ein ganzheitliches Verständnis und eine ganzheitliche Betrachtung der Gebäude und Quartiere, die wir mit unseren Zertifikaten auszeichnen.

PB3C: Ist nicht jede Art des Bauens zukunftsorientiert? Was unterscheidet denn das nachhaltige vom konventionellen Bauen?

Dr. Christine Lemaitre: Wir wollen die drei klassischen Betrachtungssäulen der Nachhaltigkeit – Ökonomie, Ökologie und das Sozio-Kulturelle – in Einklang bringen, und ergänzen sie um Prozessthemen, technische Themen, Standortthemen: Was ist der positive Beitrag eines Gebäudes an seinem Standort? Wie kann man in Zeiten des Klimawandels zum Beispiel Flächen entsiegeln? Damit gehen wir deutlich über das hinaus, was heute gesetzlich gefordert und verankert ist. Und genau hierin finden Sie unsere Definition und unser Verständnis von Zukunftsfähigkeit: Wir machen etwa Ökobilanzierungen, also eine Lebenszyklusbetrachtung der Umweltwirkung von Gebäuden – und das ist heutzutage einfach noch nicht Standard.

PB3C: Trägt die Immobilienwirtschaft in Ihren Augen dabei eine explizite Verantwortung?

Dr. Christine Lemaitre: Auf jeden Fall! Wir sehen einerseits große Herausforderungen durch den Klimawandel und andererseits große Potenziale im Gebäudebereich. Diese Potenziale lassen sich aber nur aktivieren, wenn jeder Einzelne in Entscheidungsfunktionen Verantwortung übernimmt. Das erfordert den Mut, eine Entscheidung zu treffen und sie dann auch durchzuziehen. Dafür ist nicht nur die Politik verantwortlich. Wenn es beim Bauen und Modernisieren keinen Vollzug gibt, was soll die Politik denn dann machen? Gleichzeitig möchte ich unsere Chance zur Gestaltung betonen, die wir an dieser Stelle haben: Wenn wir die Welt retten wollen, müssen wir in der Lage sein, die gebaute Welt um uns herum richtig zu gestalten. Da trägt die Bau- und Immobilienbranche sehr große Verantwortung und sitzt an einem sehr großen Hebel.

PB3C: Wer wendet sich in erster Linie an Sie? Gibt es eine Gruppe spezialisierter Projektentwickler, die nachhaltiges Bauen forcieren? Oder machen das auch größere Unternehmen, die mal konventionell, mal nachhaltig bauen?

Dr. Christine Lemaitre: Sowohl als auch. Bei einigen ist es bereits zu einem Teil der DNA oder zumindest entscheidend für das Selbstverständnis geworden. Es freut uns natürlich, wenn dadurch die Nachhaltigkeit nicht mehr von Einzelfallentscheidungen abhängt, sondern systematisch in den Prozessen verankert wird. Es gibt aber auch Unternehmen, die entscheiden standort- oder kundenspezifisch, ob ein konkretes Objekt zertifiziert werden soll oder nicht. In Deutschland hat sich inzwischen etabliert, dass in großen Städten in sehr guten Lagen zertifiziert wird, weil dies mittlerweile zum Marktstandard geworden ist. Viele internationale Konzerne etwa haben eine nachhaltige Immobiliennutzung mittlerweile in ihren CSR-Richtlinien verankert.

PB3C: Sind es dann hauptsächlich Gewerbeimmobilien, die Sie zertifizieren, oder steigt die Nachfrage auch im Wohnimmobilienbereich?

Dr. Christine Lemaitre: Wir zertifizieren mittlerweile alles, aber am Anfang waren es Gewerbeimmobilien, weil sich das Thema Zertifizierung aus einem internationalen Kontext heraus in diesem Markt schon sehr früh etablieren konnte. Mittlerweile zertifizieren wir eine sehr große Bandbreite, bis hin zu Einfamilienhäusern und mehrgeschossigen Wohngebäuden, zum Teil sogar ganze Quartiere.

PB3C: Wie ist denn Ihr Gesamteindruck zum Status quo? Wie viel wird heute schon nachhaltig gebaut?

Dr. Christine Lemaitre: Wir sehen, dass der Trend sich aktuell verändert und Zertifizierung gerade bei Unternehmen, die für sich selbst bauen, ein Thema wird. Zertifizierung ist also nicht mehr nur marktgetrieben, sondern Abbild des eigenen Qualitätsverständnisses. In der Fertigbaubranche gibt es einige, die jedes Gebäude mit einem DGNB-Zertifikat verkaufen, ohne dass es nachher den Endkunden mehr kostet. In der Breite zeigt sich ein differenziertes Bild: Die Selbsterklärungsquote derer, die sagen, wir machen das doch alles schon, ist immens hoch. Tatsächlich steigt zum Glück auch die Zahl derer, die es mit einer Zertifizierung ernst meinen. Aber wenn Sie mich fragen, passiert noch nicht genug. Wir arbeiten stetig daran, gerade Städten und Kommunen den Mehrwert einer Zertifizierung klarzumachen. Letzten Endes geht es ja um nicht weniger als eine nachhaltige Markttransformation.

PB3C: Also haben sich Nachhaltigkeitskriterien noch nicht in allen Köpfen festgesetzt?

Dr. Christine Lemaitre: Insgesamt bleibt es bisher noch zu oft bei einer Einschätzung nach Bauchgefühl. Ich treffe viele Leute, die sagen: Och, ich mache doch schon alles. Ich antworte dann: Echt? Das ist ja klasse, Sie schreiben die Qualifikation der Klebstoffe aus? Und dann gucken die mich an: Nö, wieso? Da haben wir noch Nachholbedarf: Holzbau beispielsweise ist eben nicht automatisch nachhaltig, dafür ist Bauen als solches zu komplex.

PB3C: Vor dem Hintergrund, dass es ja bis dato nicht gelingt, die Klimaziele einzuhalten: Glauben Sie, dass nachhaltiges Bauen irgendwann zur Pflicht werden könnte?

Dr. Christine Lemaitre: Jein. Bestrebungen dazu gibt es ja bereits. Viele Städte und Kommunen etwa in Baden-Württemberg versuchen die Latte mit eigenen Nachhaltigkeitskriterien zu heben, und wollen das zur Bedingung für Förderungen machen. Aber Menschen sind Menschen, Zwang würde schnell eine Trotzreaktion hervorrufen. Außerdem ist ein gutes Gebäude mehr, als wir im DGNB-System oder mit anderen Kriterien definieren können. Eine Zertifizierung nimmt einem Bauherrn oder Planer nicht die Verantwortung, das Richtige zu tun. Ich sehe viele von uns zertifizierte Gebäude, und die richtig guten sind deshalb richtig gut, weil man mit Ambition und Gestaltungswillen darangegangen ist. Und darauf beruht auch das DGNB-System: freiwillig mehr zu tun, als ich tun muss – und das zu belohnen.

PB3C: Gerade beim Wohnungsbau wird oft von einem Zielkonflikt zwischen Bezahlbarkeit auf der einen und ökologischer Nachhaltigkeit auf der anderen Seite gesprochen. Ist das vereinbar?

Dr. Christine Lemaitre: Auf jeden Fall. Ich finde es sehr schade und besorgniserregend, dass Klimaschutz und bezahlbares Wohnen in den Medien als Zielkonflikt transportiert wird. Wir kennen viele Projekte, die sind ausgesprochen wirtschaftlich. Man muss auch sagen, sobald Sie ein nachhaltiges oder energieoptimiertes Gebäude haben, sind diese Gebäude im Lebenszyklus, also in den Verbrauchskosten, deutlich günstiger, als wenn Sie nichts in dieser Richtung machen. Entscheidender für die Bezahlbarkeit beim Wohnen sind die Steigerungen bei den Baukosten und den Grundstückspreisen. Ich glaube, wir müssen viel stärker über die richtigen Konzepte sprechen.

PB3C: Welche konkreten Fragen würden Sie dann im Projektstatus beispielsweise stellen?

Dr. Christine Lemaitre: Zunächst müsste man in die Planung mehr Zeit und Geld investieren, um sich zu überlegen, was an einem Standort Sinn ergibt. Wie viel Technik brauche ich? Wie viel Fläche? Kann ich dies oder das nicht anders regeln? Ich denke da beispielsweise an Wien, wo tolle Konzepte realisiert werden. Das kann bedeuten, dass auch in Wohngebäuden auf Gemeinschaftsräume gesetzt wird und die Wohnungen kleiner sein können. Außerdem bin ich auch hier gegen Schwarz-Weiß-Betrachtungen. Wir sollten die Chance betonen, unsere Welt zu bauen. Das Schlimmste ist doch heute eine auf Kosten getrimmte Wohnbebauung. Da weiß man doch schon, dass in zehn Jahren niemand mehr darin wohnen möchte oder man kernsanieren muss. Und dieses kurzfristige Denken hat im Bauen nichts verloren.

Das Interview führten Lars Reusch und Marius Meiß von PB3C.

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