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Die Gesellschaft ist Teil der Immobilienbranche

18. Nov 2019

Prof. Dr. Alexander von Erdély  |  CBRE Deutschland

Im April 2018 gingen mehrere zehntausend Berliner auf die Straße, um gegen steigende Mieten zu protestieren. Der Protest richtete sich hauptsächlich gegen privatwirtschaftliche Immobilienunternehmen. In der Folge wurden und werden gar Rufe nach Enteignungen laut. Es wäre jedoch fahrlässig, diese Vorfälle zu generalisieren und zwischen der Branche und der Gesellschaft gedankliche Gräben zu ziehen.

Zum einen lässt sich die Immobilienbranche nicht auf privatwirtschaftliche Immobilienunternehmen reduzieren. Zum anderen sind diese Unternehmen an Standorten wie Berlin, an denen der Nachfrageüberhang bei allen Immobilientypen, von der Wohnung hin zur Produktionshalle, immer größer wird und deshalb Miet- und Kaufpreise steigen, nicht allein für die Situation verantwortlich. Wichtig ist jedoch, dass die Immobilienunternehmen auf Kritik konstruktiv reagieren und Offenheit und Gesprächsbereitschaft signalisieren, anstatt ausschließlich gegen Politik oder Verwaltung zu polemisieren.

Ein Blick auf die Immobilienbranche als Ganzes offenbart grundsätzlich keine Entfremdung zwischen der Branche und der Gesellschaft. Privatpersonen sind nach wie vor die wichtigsten Eigentümer und Investoren auf dem Immobilienmarkt: Sie erwerben Wohnungen zur privaten Altersvorsorge und sorgen in Form von Spareinlagen, Lebensversicherungen oder Fondsbeteiligungen dafür, dass Neubauprojekte realisiert werden. Zum Teil sind sie Anteilseigner genau derjenigen Unternehmen, die zurzeit in der Kritik stehen. Darüber hinaus darf auch nicht vernachlässigt werden, dass die Immobilien- und Baubranche mehrere Millionen Arbeitnehmer beschäftigt, darunter Architekten, Fachplaner, Handwerker, Techniker. Die Immobilienwirtschaft könnte ohne diesen Rückhalt aus der Gesellschaft gar nicht existieren.

Mehr als jede andere hat die Immobilienbranche eine große soziale und gesellschaftliche Verantwortung. Denn Immobilien reflektieren, wie wir leben. Sie haben über sehr lange Zeiträume hinweg Bestand und beeinflussen sowohl mit ihren Standorten und ihrer Architektur als auch mit ihren Flächenkonzepten das Leben der Menschen. Werden Wohnungen an einem Ende und Bürotürme am anderen Ende der Städte errichtet, schränken diese Monokulturen die Lebensqualität der Menschen ein und sorgen für verstopfte Straßen.

Umgekehrt erhöhen intelligente Mischnutzungskonzepte mit eng verzahnten Arbeits- und Wohnflächen sowie Gastronomie- und Freizeitangeboten die Lebendigkeit eines Quartiers. Kurz gesagt: Jedes Neubauprojekt hat Auswirkungen auf viele nicht immobilienbezogene Faktoren des urbanen Zusammenlebens, unter anderem die Mobilität. Anstatt sich auf kurzfristigen Gewinn auszurichten, müssen die Branchenakteure daher verantwortungsvoll mit den Flächen umgehen, die ihnen zur Verfügung stehen.

Die Immobilienbranche täte zudem gut daran, ihre Ansätze und Konzepte für Flächenentwicklungen, Neubauvorhaben und Revitalisierungen transparenter für die breite Gesellschaft darzustellen und offen zu diskutieren. Denn wenn umfassend kommuniziert wird und Betroffene zu Beteiligten gemacht werden, entsteht eine belastbare und langfristige Grundlage zum gegenseitigen Verständnis – und die Gefahr zukünftiger Gräben wird bereits im Vorfeld gebannt.

Dieser Artikel erschien in der IMMOBILIENWIRTSCHAFT 11.2019.

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