Seit Beginn des Jahrtausends hat sich die nachhaltige Geldanlage grundlegend verändert. Was damals noch als Nische galt, ist heute ein etablierter Bestandteil professioneller Kapitalanlagen. ESG-Kriterien, nachhaltige Anleihen, SFDR-Artikel-8- und Artikel-9-Produkte, Klima- und Transformationsstrategien sowie Impact Investing sind aus den Diskussionen über Anlagestrategien institutioneller Investoren kaum mehr wegzudenken.
Zwei Dimensionen der Weiterentwicklung
Dabei hat sich auch das Verständnis verschoben, und zwar in zwei Dimensionen. Zunächst thematisch: Nachhaltige Geldanlage wird nicht mehr nur mit Umwelt- und Klimaschutz gleichgesetzt, sondern auch mit sozialer Teilhabe, finanzieller Inklusion, Bildung, Gesundheit und der Frage, wie wirtschaftliche Entwicklung langfristig tragfähig finanziert werden kann. Diese Breite hat den Markt wachsen lassen, ihn aber auch erklärungsbedürftiger gemacht. Und auf der anderen Seite geht es heutzutage viel stärker um tatsächlichen messbaren Impact in Bezug auf diese Ziele, während früher vor allem Ausschlusskriterien die Anlagestrategien beeinflussten.
Letztlich hat auch die Greenwashing-Debatte ihren Beitrag zur Professionalisierung nachhaltiger Geldanlage geleistet. Sie war für viele Marktteilnehmer unbequem, zum Teil auch überzeichnet und regulatorisch nicht immer treffsicher, aber sie hat den Markt weitergebracht, denn Asset Manager und Produktanbieter müssen heute sehr viel genauer erklären, was sie meinen, wenn sie von Nachhaltigkeit oder Impact sprechen. Welche Kriterien werden angewendet? Welche Wirkung soll erzielt werden? Wie wird sie gemessen? Welche Rolle spielen Rendite, Risiko, Liquidität und Diversifikation? Aus einem teilweise beliebigen Sprachgebrauch ist ein anspruchsvolleres Marktsegment geworden – zum Vorteil derer, die Transparenz über den Nachhaltigkeitsanspruch schon immer ernst genommen haben.
All das gilt in besonderem Maße für Impact Investing, das immer schon mehr war als „nur“ ESG – also Ausschlüsse, Mindeststandards und Prozesse, die für professionelles Asset Management ohnehin selbstverständlich sein sollten. Denn Impact Investing verfolgt den Anspruch, neben einer finanziellen Rendite eine positive, beabsichtigte und messbare soziale oder ökologische Wirkung zu erzielen. Wirkung darf nicht behauptet werden, sie muss nachvollziehbar belegt sein.
Neue Phase
Nach einem Vierteljahrhundert steht Impact Investing jetzt vor einer neuen Phase. Der Nachweis, dass Wirkung und finanzielle Performance durchaus miteinander vereinbar sein können, ist in vielen Bereichen erbracht. Entscheidend ist nun, wie sich die Anlageform weiterentwickelt, institutionell verankert und in größerem Maßstab umsetzen lässt. Fünf Thesen sind dafür besonders wichtig.
1. Emerging Markets sind Wachstums- und Wirkungsmärkte. Der Blick auf Emerging Markets ist in vielen institutionellen Portfolios noch immer stark von alten Krisenbildern geprägt: Währungsabwertungen, Kapitalflucht, politische Eingriffe, Zahlungsausfälle, Staatspleiten. Diese Risiken gibt es nach wie vor, aber sie müssen in einen neuen Kontext gestellt werden.
Viele Emerging und Frontier Markets haben sich in verschiedenen Bereichen in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Die Kapitalmärkte sind tiefer geworden, die Zentralbanken glaubwürdiger, die Staatshaushalte in vielen Ländern solider, die lokalen Finanzierungsquellen breiter. Zugleich liegen dort große Teile des künftigen globalen Wachstums: junge Bevölkerungen, steigende Einkommen, Urbanisierung, Digitalisierung, Infrastrukturbedarf und eine wachsende Nachfrage nach Finanzdienstleistungen.
Hinzu kommt: Sind die Industrieländer wirklich noch der risikofreie Gegenpol, als der sie lange galten? In vielen entwickelten Volkswirtschaften sind die Staatsschulden deutlich gestiegen, das strukturelle Wachstum ist schwach, die demografische Entwicklung ebenso, und selbst institutionelle Stabilität ist nicht mehr überall über jeden Zweifel erhaben. Hat das erste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts die Staatsinsolvenz Argentiniens gesehen, war es im zweiten Jahrzehnt die Staatsschuldenkrise des EU- und Euro-Landes Griechenland. Länderrisiken sind also nicht mehr allein ein Thema der Emerging Markets.
Für Impact-Investoren ist diese Neubewertung zentral, denn in Schwellen- und Frontier-Märkten treffen Kapitalbedarf, Wachstum und Wirkung besonders unmittelbar aufeinander. Seien es Finanzierungen für kleine und mittelgroße Unternehmen, der Zugang zu Krediten, Versicherungen und digitalen Finanzdienstleistungen für breite Bevölkerungsschichten, oder auch Lösungen zu Klimaanpassung beziehungsweise zu lokaler Infrastruktur. Kapital wird gebraucht und kann direkt dazu beitragen, Wirkung zu entfalten – auch im Sinne eines größeren Grenznutzens.
2. Resilienz ist auch ein Portfolioargument. Resilienz wird im Nachhaltigkeitskontext zumeist als übergeordnetes Ziel verstanden – Umwelt, Klima und Gesellschaft sollen in der Regel resilienter werden. Und das ist ja auch richtig so. Aber für institutionelle Investoren kommt eine weitere Dimension hinzu: die Resilienz der Kapitalanlage. Damit ist Resilienz auch ein Portfolioargument.
Impact-Strategien können dazu beitragen, institutionelle Portfolios zu diversifizieren und zu stabilisieren – und damit resilienter zu machen. Sie sind eng mit der Realwirtschaft verbunden, indem sie Kreditportfolios, lokale Finanzinstitute, Unternehmen oder Projekte finanzieren, deren Erträge nicht zwingend denselben Mustern folgen wie die breiten Aktien- oder Anleihemärkte. Gerade in einem Umfeld, in dem traditionelle Diversifikationsmuster nicht mehr immer zuverlässig funktionieren, gewinnt dieser Punkt an Gewicht.
Hinzu kommt: Die Abhängigkeit vieler Emerging Markets vom US-Dollar- oder Euroraum hat in mehreren Segmenten tendenziell abgenommen. Lokale Kapitalmärkte sind gewachsen, mehr Finanzierung findet in lokaler Währung statt und die Binnenwirtschaft vieler Länder spielt eine größere Rolle als früher. Das macht diese Märkte nicht immun gegen globale Schocks, verändert aber ihre Reaktion darauf. Auch hierin schlummert Diversifikationspotenzial.
Impact Investing sollte deshalb nicht allein unter dem Gesichtspunkt der Wirkung im Sinne von Nachhaltigkeit betrachtet werden, sondern auch aus Diversifikationsgründen als Investment-Case mit Resilienzpotenzial – eine Erkenntnis, die sich mehr und mehr durchsetzt.
3. Der Markt wird differenzierter – und institutionalisierter. In der Frühphase konnte Impact Investing oft noch als ein einheitliches Feld beschrieben werden. Das ist heute nicht mehr angemessen. Der Markt ist breiter, professioneller und anspruchsvoller geworden. Mikrofinanz bleibt ein wichtiger Ursprung. Daneben stehen Private Debt, liquide Anleihen, Private Equity, Infrastruktur, Klima- und Anpassungsstrategien, Blended-Finance-Strukturen und thematische Mandate.
Dabei hat jedes Segment ein anderes Liquiditätsprofil, andere Risikotreiber, andere Renditequellen und andere Anforderungen an die Wirkungsmessung. Ein liquider Impact-Bond-Fonds erfüllt eine andere Funktion als ein Private-Debt-Mandat. Mikrofinanz verhält sich anders als Infrastruktur. Klimaanpassung verlangt andere Kennzahlen als finanzielle Inklusion. Das ist die Ausdifferenzierung der Strategien.
Anschlussfähiger für institutionelles Asset Management
Das andere ist ihre Professionalisierung. Sie zeigt sich vor allem in den Rahmenbedingungen. Definitionen sind klarer geworden, Reporting-Anforderungen steigen, Datenqualität und Nachvollziehbarkeit werden wichtiger. Die Greenwashing-Debatte hat diesen Prozess beschleunigt. Sie hat Anbieter gezwungen, ihre Ansätze präziser zu formulieren und belastbarer zu dokumentieren. Für den Markt ist das gesund.
Damit wird Impact Investing anschlussfähiger für institutionelles Asset Management. Spezialfonds, individuelle Mandate und andere institutionelle Strukturen können Wirkung, Risikosteuerung, regulatorische Anforderungen und individuelle Vorgaben miteinander verbinden. Voraussetzung ist, dass Impact nicht als Zusatzetikett verstanden wird, sondern als Bestandteil des Investmentprozesses: von der Due Diligence über die Portfoliokonstruktion bis zum laufenden Reporting.
4. Technologie wird Wirkungsmessung und Zugang verbessern. Impact Investing ist – heute mehr denn je – auf Daten angewiesen. Nicht nur Investoren, sondern auch Regulierer erwarten Messbarkeit und Datentransparenz: Was wird finanziert? Welche Zielgruppen werden erreicht? Welche Veränderungen treten ein und welche Risiken sind damit verbunden? Das ist aufwendiger als bei vielen traditionellen Anlageformen. Die Faustformel lautet: Je höher der Wirkungsanspruch, desto größer der operative Aufwand.
Doch Technologie kann helfen, diese Faustformel etwas zu relativieren. Digitale Datenverarbeitung, automatisierte Berichtsprozesse, bessere Schnittstellen zu lokalen Finanzinstituten und der zielgerichtete Einsatz von KI können dazu beitragen, Informationen schneller, konsistenter und kosteneffizienter zu erfassen. Das ersetzt kein Investmenturteil und keine lokale Marktkenntnis, kann aber Prozesse verbessern und Skalierbarkeit erhöhen.
Technologie ist dabei nicht nur ein Werkzeug für Asset Manager, sondern auch Teil der Wirkung in den Zielmärkten selbst. In vielen Regionen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas entstehen Finanzdienstleistungen, die digitaler und mobiler sind als traditionelle Bankangebote in entwickelten Volkswirtschaften. Zahlungsverkehr, Kredite, Versicherungen und Sparprodukte erreichen über digitale Kanäle Menschen und Unternehmen, die früher kaum Zugang zu formellen Finanzdienstleistungen hatten – moderner, digitaler und schneller, als man es sich Europa bisweilen vorstellen kann.
Zugleich ist dies ein wichtiges Anlagethema. Denn Investorenkapital kann dazu beitragen, solche Modelle zu finanzieren, zu verbreitern und professioneller zu machen. Gleichzeitig erhöht die Digitalisierung die Transparenz über die erreichte Wirkung. Wenn beides zusammenkommt – bessere Investitionsmöglichkeiten und bessere Daten –, kann Technologie zu einem wesentlichen Treiber der nächsten Entwicklungsstufe werden.
5. Der Markt wächst, aber nicht jeder Anbieter wird mitwachsen. Wachstumsmärkte ziehen neue Anbieter an. Das war auch bei nachhaltiger Geldanlage und Impact Investing so. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Produkte entstanden – manche mit überzeugender Substanz, andere eher aus Marketinggründen. Die nächste Marktphase dürfte selektiver werden.
Denn mit zunehmender Marktreife prüfen institutionelle Investoren immer genauer, wer tatsächlich über Erfahrung, lokale Präsenz, Investmentkompetenz, Risikomanagement und belastbare Wirkungsmessung verfügt. Die Regulierung trägt ihren Teil dazu bei. Ein überzeugender Track Record wird also wichtiger – inklusive Nachweis der Fähigkeit, über unterschiedliche Marktzyklen hinweg diszipliniert zu investieren.
Das ist ein klares Zeichen für die zunehmende Reife dieses Marktes. In der Pionierphase zählte vor allem, erst einmal Aufmerksamkeit zu schaffen. In der Wachstumsphase stand im Vordergrund, ein Lösungsspektrum aufzubauen. In der nächsten – der institutionellen – Phase müssen Anbieter nun zeigen, dass ihre Strategien finanziell tragfähig sind, dass die Wirkung nachvollziehbar ist und dass sie mit regulatorischen und operativen Herausforderungen umgehen können. Hier dürfte sich zeigen, welche Anbieter über dauerhaft tragfähige Strukturen und Strategie verfügen.
In Zukunft weniger Grundsatzdebatten
Die Zukunft des Impact Investing wird weniger von Grundsatzdebatten geprägt sein als von operativer Umsetzung. Der Markt muss nicht mehr beweisen, dass Wirkung und Rendite grundsätzlich zusammenpassen können. Er muss zeigen, dass sich dieser Anspruch in größerem Maßstab, mit institutioneller Disziplin und über unterschiedliche Emerging Markets sind Wachstums- und WirkungsmärkteMarktzyklen hinweg erfüllen lässt.
In den kommenden 20 Jahren dürfte Impact Investing deshalb stärker in die normale Kapitalanlage hineinwachsen. Nicht als ethisch-moralischer Zusatz, sondern als spezifischer Zugang zu Wachstum, Realwirtschaft und messbarer Transformation. Emerging und Frontier Markets spielen dabei eine zentrale Rolle, weil dort ein großer Teil des Kapitalbedarfs entsteht: für Unternehmertum, Unternehmen, Infrastruktur, Finanzsysteme, Klimaanpassung und wirtschaftliche Teilhabe.
Heutige Wirkungsthemen morgen Normalität?
Der vielleicht interessanteste Gedanke liegt noch weiter vorne. Im Idealfall finanziert Impact Investing Entwicklungen, die es eines Tages selbst überflüssig machen: funktionierende lokale Kapitalmärkte, breiten Zugang zu Finanzdienstleistungen, widerstandsfähige Unternehmen, Einhaltung der Klimaziele und so weiter. Ein Teil des Erfolgs bestünde dann darin, dass heutige Wirkungsthemen morgen zur Normalität geworden sind.
Ganz einzulösen sein wird dieser Gedanke realistischerweise nicht. Denn soziale, ökologische und wirtschaftliche Herausforderungen wird es immer geben. Insofern wird Kapital immer wieder dorthin gelenkt werden müssen, wo Märkte allein zu langsam, zu kurzfristig oder zu selektiv reagieren. Das ist die langfristige Aufgabe von Impact Investing: nicht die bessere Geschichte zur Nachhaltigkeit zu erzählen, sondern Kapital so einzusetzen, dass Entwicklungen finanziert, Risiken übernommen, attraktive Finanzrenditen erzielt und Wirkungen messbar gemacht werden.
Dieser Beitrag erschien am 01.09.2026 in Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen.
Haben Sie Anmerkungen oder Fragen? Dann schreiben Sie an die Leiter unserer Redaktion Jan Döhler und Kai Gutacker.
