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Wir brauchen die Materialwende

5. Dez 2021

Giulia Peretti  |  Real I.S.

Mehr als ein Drittel der Treibhausgasemissionen und 40 % des Energieverbrauchs in der EU entfallen auf Gebäude. Die Immobilienbranche trägt somit eine außerordentlich große Verantwortung, dass die Klimaziele erreicht werden. Schließlich will die EU als erster Kontinent bis 2050 klimaneutral werden – Deutschland visiert die CO2-Neutralität bereits bis 2045 an. Vieles muss sich in der Immobilienbranche bewegen auf dem Weg zur Dekarbonisierung und komplexe Herausforderungen liegen vor uns. Das birgt allerdings auch die Chance, innovative Prozesse sowie emissionsarme und klimafreundliche Werkstoffe zu etablieren. Doch wo sollte man am besten ansetzen?

Bedeutung von grauer Emission deutlich gestiegen
Was momentan stark unterschätzt wird, ist das Potenzial für mehr Klimaschutz und Ressourcenschonung im gesamten Lebenszyklus einer Immobilie. In der Vergangenheit lag der Fokus noch auf dem Energieverbrauch im Betrieb. Nachhaltigkeit beziehungsweise ökologisches Bauen bezog sich fast ausschließlich auf die Optimierung in puncto Energie. Mit der Durchsetzung eines hohen energetischen Standards im Neubau und bei Sanierungen hat sich auch das Verhältnis von Betriebsemissionen und grauen Emissionen komplett verändert. Mittlerweile kommt lediglich die Hälfte der CO2-Emissionen vom Betrieb eines Gebäudes, die andere Hälfte fällt entlang anderer Stufen des Lebenszyklus an – von der Errichtung einer Immobilie über deren Wartung bis hin zum Rückbau. Vielmehr ist bereits an dem Tag, an dem ein Gebäude in Betrieb genommen wird, mehr als die Hälfte der grauen Emission schon freigesetzt und in der Atmosphäre. Deshalb muss bereits vieles im Zuge der Errichtung eines Gebäudes getan werden.

Die größten Baustoffumweltsünder haben auch wichtige positive Eigenschaften
Mindestens 60 % der gesamten grauen Emission bei Hochbauten stammen aus dem Tragwerk, das in der Regel aus Stahl und Beton besteht. Diese zwei der am meisten verwendeten Baumaterialien sind die größten Verursacher von klimaschädlichen Emissionen und tragen somit erheblich zur CO2-Bilanz eines Gebäudes bei. Bei der Herstellung von Zement, einem Hauptbestandteil von Beton, entstehen zum Beispiel 6 % bis 10 % der globalen CO2-Emissionen. Technologien und Prozesse zur drastischen CO2-Reduktion sind bei der Produktion von Beton noch nicht stark verbreitet. Es gibt zwar bereits Forschungsprojekte auf diesem Gebiet, diese befinden sich aber noch in Testphasen. Die Schwierigkeit ist, dass Stahl und Beton nicht so ohne Weiteres von anderen Materialien substituiert werden können, da sie über viele positive Eigenschaften verfügen, die für ein Gebäude elementar sind und letztlich auch wichtige Aspekte des nachhaltigen Bauens darstellen. Dazu gehören eine lange Lebensdauer und geringe Wartungsanforderungen. Kaum ein anderer Baustoff ist so flexibel einsetzbar wie Beton, seine Tragfähigkeit und plastische Formbarkeit gibt Ingenieuren und Architekten fast uneingeschränkte Gestaltungsmöglichkeiten. Außerdem hat Beton bauphysikalische Vorteile, indem er sehr gut Wärme speichert und dem Schallschutz dient. Diese Eigenschaften sind mit anderen Materialien nur mit größerem Aufwand erreichbar. Warum nimmt man nicht einfach Holz? Als nachwachsender Rohstoff beziehungsweise natürliche Ressource ist Holz weitaus klimafreundlicher als Stahl und Beton, allerdings auch nur beschränkt vorhanden. Zudem ist Holz nicht für alle Bauten und jede Region geeignet, zeigt zum Beispiel in sehr feuchten Gebieten klare Nachteile. Auch bei Infrastrukturprojekten wie Brücken kann Holz Stahlbeton nicht ersetzen. Und bei Hochhäusern ist die Verwendung von Holz ab einer gewissen Höhe aufgrund von Statik und Brandschutz schwierig.

Schonender Materialeinsatz und Recycling als größte Stellschrauben
Da Stahl und Beton im Bauwesen (noch) nicht weggedacht werden können, sind Maßnahmen umso wichtiger, um die eingesetzte Materialmenge zu reduzieren. Es gibt einige Forschungen dazu mit vielversprechenden Ergebnissen. Mit dem sogenannten Gradientenbeton ist es zum Beispiel möglich, durch mineralische Leichtzuschläge bis zu 50 % der Betonmasse einzusparen – und das ohne Hohlbaukörper aus anderen Materialien. Das stellt eine vollständige und sortenreine Rezyklierbarkeit des Bauteils an dessen Lebensende sicher. Zu einem gewissen Grad kann man Bestandteile von Beton auch durch Abfallprodukte ersetzen, die im Rahmen anderer Prozesse anfallen. Von einigen Betonherstellern wird ein Teil des Portlandzementklinkers durch Schlacke aus der Stahlproduktion ersetzt. Immerhin kann somit etwa die Hälfte der CO2-Emissionen eingespart werden im Vergleich zur herkömmlichen Zementherstellung. Allerdings sind diese rezyklierten Zusatzstoffe nur begrenzt verfügbar, da sich auch die Stahlproduktion in der Transformation befindet und Stahlwerke vermehrt mit nachhaltigeren Energien betrieben werden. Ferner wird für die Produktion von Bewehrungsstahl auch Stahlschrott verwendet. Das ermöglicht CO2-Einsparungen ohne große Einschränkungen an Qualität und Architektur des Gebäudes.

CO2-Prägung durch den Standort
Eine weitere Möglichkeit, um Bestandteile von Beton zu ersetzen, beispielsweise Kies und Sand, ist die Verwendung von Altbeton aus Abbrucharbeiten. Die großen ökologischen Vorteile sind dabei die Schonung natürlicher Ressourcen und die Reduzierung des Abfallaufkommens sowie untergeordnet auch die CO2-Einsparung. Das Nutzen von Recyclingbeton ist nicht neu und kam bereits vor 20 Jahren vor. Es wird heutzutage jedoch vermehrt eingesetzt, da das Know-how in der effizienten Verwendung zugenommen hat. Fest steht, dass ein Großteil der Bauarbeiten mittels Recyclingbeton realisiert werden kann. Immobilienunternehmen und Baufirmen müssen sich dieser alternativen Möglichkeit nur noch bewusster werden. Ein weiterer Punkt wird oftmals unterschätzt: Man sollte sich mit den jeweiligen lokalen Bedingungen auseinandersetzen. Denn die Produktion von Baumaterialien hat auch immer eine CO2-Prägung durch den Standort. Wenn das gleiche Material an zwei unterschiedlichen Standorten hergestellt wird, kann die Klimabilanz doch unterschiedlich sein, zum Beispiel durch das Nutzen von Ökostrom oder aufgrund längerer Lieferwege. So ist der Ersatz von Betonbestandteilen nur dann sinnvoll, wenn Materialien vor Ort verfügbar sind und die CO2-Vorteile nicht durch den Transport wieder annulliert werden.

Fazit: Lebenszyklus von Gebäuden und Kreislaufwirtschaft wichtig für mehr Nachhaltigkeit
Alternativen zu fossilen Energieträgern sowie Energie- und Materialeffizienz sind wichtige Themen. In Deutschland gibt es 22 Mio. Gebäude, 60 % davon sind aus energetischer Sicht als unzureichend einzustufen, so der ‚Bundesverband energieeffiziente Gebäudehülle e. V.‘ Um Nachhaltigkeit im Immobiliensektor voranzutreiben und das volle Potenzial von Ressourcenschonung und CO2-Einsparungen zu nutzen, muss man allerdings weiterdenken und den gesamten Lebenszyklus einer Immobilie kritisch hinterfragen. Es gibt viel Forschung auf diesem Gebiet der Dekarbonisierung im gesamten Lebenszyklus im Bauwesen. Es bleibt abzuwarten, inwiefern sich Innovationen in der Praxis durchsetzen. Aber bereits jetzt kann man durch den Ersatz von klimaschädlichen Materialien beziehungsweise deren Reduzierung einiges bewirken. Beim Rückbau von Gebäuden lässt sich viel Abfall vermeiden, wenn Materialien wiederverwendet werden. Weiterer positiver Effekt: Sie bleiben im Kreislauf und müssen nicht neu produziert werden. Andererseits muss man sich immer fragen, ob ein kompletter Abriss und Neubau überhaupt notwendig sind, oder ob man das Gebäude sanieren und einige Bauteile oder tragende Strukturen weiterverwenden kann. Schließlich hat die Immobilienbranche aufgrund der Klimaziele und der begrenzten Verfügbarkeit von Ressourcen keine andere Wahl, sich optimierten Bauprozessen, neuen Materialien und dem Thema Recycling zu widmen. Dies ist zugleich auch eine große Chance, sich weiterzuentwickeln und neuen Prozessen zu öffnen.

Dieser Artikel erschien am 29.11. auf IMMOBILIENMANAGER.