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Private Credit unter Druck

19. Juni 2026

Martina Schliemann und Bill Cole  |  HarbourVest

Was hinter Defaults, Rücknahmen und der KI-Debatte steckt.

Private Credit steht aktuell im Zentrum der Aufmerksamkeit. Unternehmensausfälle, Rücknahmen aus Evergreen-Fonds und die Diskussion um KI im Softwaresektor haben die Assetklasse unter Druck gesetzt. Vieles wirkt zugespitzt. Ein genau­er Blick zeigt: Das Bild ist differenzierter.

Private Credit ist nach der Finanzkrise entstanden und über viele Jahre gewachsen – ohne ausgeprägten Ausfallzyklus. Seit 2004 erzielte der Markt annualisierte Renditen von 7 bis 11 % bei vergleichsweise niedrigen Ausfallraten. Das brachte stabile Erträge und Überrenditen gegenüber öffentlichen Anleihemärkten. Gerade jetzt gilt es, Schlagzeilen von den tatsächlichen Entwicklungen zu trennen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich die Assetklasse in einer veränderten Marktphase einordnen lässt und welche Faktoren tatsächlich für die jüngste Entwicklung verantwortlich sind.

Was ist wirklich passiert?
Im September 2025 meldeten mit First Brands und Tricolor zwei Unternehmen Insolvenz an. Die öffentliche Debatte legte nahe, dass Private Credit betroffen sei. Tatsächlich waren beide Fälle jedoch überwiegend über andere Finanzierungsstrukturen finanziert. Dennoch übertrug sich diese Wahrnehmung auf die gesamte Assetklasse. So wurden beide Unternehmen über breit syndizierte Kredite sowie durch Asset-Backed-Finanzierungsstrukturen finanziert, während der Private-Credit-Markt nur ein geringes Exposure hatte. Auch der Konkurs des britischen Hypothekenunternehmens MFS zu Beginn des Jahres 2026 verstärkte diese Wahrnehmung, obwohl auch hier nur begrenzte Verbindungen zu traditionellem Senior Private Credit bestanden. Erst mit weiteren Ausfällen bei Renovo und Alacrity zeigten sich echte Spannungen im klassischen Private­Credit-Markt. Gleichzeitig rückte ein zweiter Faktor in den Fokus: der technologische Wandel.

Mit dem Aufkommen neuer KI-Anwendungen Anfang 2026 wurde aus einer abstrakten Entwicklung ein greifbares Risiko. Besonders der Softwaresektor, ein zentraler Bereich im Private-Credit-Markt, geriet unter Beobachtung. Viele Investoren fragten sich, wie stark Geschäftsmodelle durch KI unter Druck geraten könnten. Damit verlagerte sich die Diskussion von einzelnen Kreditereignissen hin zu grundlegenden Fragen nach der Zukunftsfähigkeit ganzer Geschäftsmodelle. Auslöser war unter anderem die Veröffentlichung neuer autonomer Anwendungen für rechtliche und geschäftliche Workflows. Dadurch wurde die KI-Debatte von einer theoretischen Perspektive in eine konkret messbare Realität verschoben.

Neue Risiken, aber kein einheitliches Bild
Software wurde lange als homogener Sektor betrachtet. Diese Sicht greift heute zu kurz. Die KI verändert jedoch die Softwarebranche grundlegend und kann zu sehr unterschiedlichen Er­gebnissen führen. Sie kann Wachstum beschleunigen, Prozesse effizienter machen und Margen stärken. Gleichzeitig senkt sie Eintrittsbarrieren, erhöht den Wettbewerb und kann Geschäftsmodelle entwerten. Für Kreditinvestoren bedeutet das: Pauschale Einschätzungen reichen nicht mehr. Entscheidend ist die Qualität des einzelnen Unternehmens – seine Datenbasis, seine Integration in Prozesse und seine Fähigkeit, neue Technologien einzubinden. Unternehmen, die über tief verankerte Prozesse, belastbare Datenstrukturen und klare Integrationspfade verfügen, können von KI profitieren. Andere geraten unter Druck, wenn ihre Produkte austauschbar werden, Wettbewerber schneller aufholen oder sie ihre Preissetzungsmacht verlieren. Dadurch entsteht innerhalb eines bisher als stabil wahrgenommenen Segments eine stärkere Differenzierung. KI kann sowohl als Werttreiber wirken, beispielsweise durch verbesserte Produktdifferenzierung, schnellere Innovationszyklen und höhere Produktivität, als auch als Disruptionsfaktor, der bestehende Geschäftsmodelle unter Druck setzt.

Rücknahmen legen strukturelle Fragen offen
In diesem Umfeld kam es erstmals zu spürbaren Rücknahmen in Evergreen-Fonds. Einige Manager konnten diese bedienen, andere mussten sie begrenzen. Damit tritt ein strukturelles Problem zutage: die Diskrepanz zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Liquidität. Private Credit ist kein kurzfristig handelbarer Markt. Die zugrunde liegenden Kredite sind langfristig angelegt. Rückgaberechte sind daher bewusst eingeschränkt. Institutionellen Investoren ist das Merkmal bekannt. In stabilen Zeiten fällt das kaum auf. In Stressphasen zeigt es sich umso deutlicher. Damit wurde sichtbar, dass die Liquiditätsstruktur der Vehikel nicht immer den Erwartungen aller Investoren entspricht. Diese Erfahrung dürfte die Wahrnehmung von Liquidität in Private Credit nachhaltig prägen.

Ein Markt im Wandel
Private Credit bleibt aus unserer Sicht eine robuste Anlageklasse. Gleichzeitig verändert sich das Umfeld. Die Ausfallraten dürften moderat steigen, die Unterschiede zwischen den Managern zunehmen. Kreditprüfung und Disziplin gewinnen an Bedeutung. Ebenso entscheidend ist der Zugang zu hochwertigen Transaktionen. Auch das Liquiditätsmanagement rückt stärker in den Fokus: Wer agiert vorausschauend, wer reagiert erst unter Druck? Damit rückt die Fähigkeit der Manager, Risiken differenziert zu analysieren und Kapital diszipliniert einzusetzen, stärker in den Fokus. In einem weniger homogenen Marktumfeld wird sich die Spreizung der Ergebnisse zwischen den einzelnen Anbietern voraussichtlich weiter erhöhen. Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen an die Kreditvergabe, da sowohl die Risikobewertung als auch die Struktur der Vehikel, in denen Private Credit gehalten wird, an Bedeutung gewinnen.

Chancen in einem anspruchsvolleren Umfeld
Gerade Marktverwerfungen eröffnen neue Möglichkeiten. Wenn Fonds Rückgaben managen müssen, entsteht Bedarf an Liquidität. Für Investoren, die flexibel agieren können, ergeben sich daraus attraktive Einstiegspunkte im Sekundärmarkt für Kredite. Auch im Softwarebereich lohnt ein differenzierter Blick. Während sich einige Investoren zurückziehen, entstehen selektiv Chancen. KI wirkt nicht nur disruptiv – sie kann auch Wachstum verstärken. Gleichzeitig zeigt sich, dass Marktphasen mit einge­schränkter Liquidität neue Rollen für Investoren schaffen können. Auf einen Markt mit erhöhtem Bedarf an Finanzierungslösungen trifft Kapital, das gezielt und selektiv eingesetzt wird. Insbesondere für liquide Investoren ergeben sich daraus zusätzliche Handlungsspielräume. Der Markt ist zunehmend auf Anbieter von Liquidität angewiesen, da Evergreen-Strukturen ihre Rücknahmeprofile überprüfen und ihren Kapitalbedarf neu bewerten. Investoren haben dadurch die Chance, Liquidität bereitzustellen und individuelle Lösungen zu strukturieren.

Fazit
Private Credit steht nicht vor einem Bruch, sondern vor einer neuen Phase. Die Assetklasse bleibt tragfähig, steht aber wieder stärker unter zyklischem Einfluss. Für Investoren bedeutet das: genauer hinschauen, Risiken sauber bewerten und Strukturen verstehen. Wer das beherrscht, findet auch in einem anspruchsvolleren Marktumfeld attraktive Chancen. Entscheidend ist dabei die Fähigkeit, zwischen kurzfristigen Marktbewegungen und strukturellen Veränderungen zu unterscheiden. Dabei wird sich zeigen, welche Marktteilnehmer über die notwendige Disziplin und den Zugang zu hochwertigen Transaktionen verfügen, um sich in einem anspruchsvolleren Umfeld erfolgreich zu positionieren.

Dieser Beitrag erschien am 16.06.2026 im Magazin Intelligent Investors.

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