Joachim Stumpf  |  BBE

Droht jetzt dem Handel das Aus?

Herr Stumpf, als Unternehmensberater sind Sie ganz dicht am Handel. Das öffentliche Leben kommt derzeit immer mehr zum Erliegen. Vorsichtig gefragt: Wie viel Schlimmes müssen wir befürchten?

Stumpf: Zunächst einmal handelt es sich um einen öffentlichen Gesundheitsnotstand, der trotz aller wirtschaftlichen Befürchtungen – und das dürfen wir nicht vergessen – Menschenleben gefährdet. Das ist daran das Schlimmste, und unsere größte Sorge gilt unseren Familien, Freunden und Mitmenschen. Nun können wir den Einzelhandel natürlich nicht aus der gegenwärtigen Situation ausklammern, weil er für die Bevölkerung eine wichtige Versorgungsfunktion hat. Gewisse Teile des Handels, wie Supermärkte und Apotheken, aber auch Bau- und Gartencenter werden daher weiter geöffnet bleiben. Vielen anderen Unternehmen, vor allem dem nicht-filialisierten Nonfood-Mittelstand und denen, denen es schon vor der Krise schlecht ging, drohen hingegen massive Einbußen. Zwar hat die Politik bereits finanzielle Hilfen für die Wirtschaft versprochen. Ob sie rechtzeitig kommen werden und vor allem in der Höhe ausreichen, bleibt aber abzuwarten. Wir gehen von ersten Insolvenzen binnen weniger Wochen aus. Die BBE hat Ihren Beratungsschwerpunkt daher aktuell auf Akutmaßnahmen verlegt wie Liquiditätsplanung, Steuerung der Kurzarbeit, Kostenmanagement, Vertriebsaktivitäten außerhalb des stationären Kerngeschäftes, Finanzierungsplanung und andere Felder.

Wo es einen Händler gibt, da gibt es meist auch einen Vermieter …

Stumpf: Corona hat eine wirtschaftliche Ausnahmesituation geschaffen, an der die Händler selbst keine Schuld tragen. Auf Seiten der Vermieter rechne ich daher mit einem Entgegenkommen so gut es geht. Krisen wie diesen kann man nur mit allergrößter Kooperationsbereitschaft begegnen. Leider wird das allein die Kunden aber nicht zurück in die Geschäfte bringen, das kann nur ein Ende der gesundheitlichen Gefahrenlage. Am Ende sind wir also davon abhängig, wann die Gesundheitsbehörden das öffentliche Leben wieder freigeben. Die Konsumlaune wird aus unserer Sicht gebremst bleiben, da Aktienkursverluste, Kurzarbeit und Unternehmensprobleme die Kaufstimmung stark beeinflussen.

Mit welchen langfristigen Folgen ist zu rechnen?

Stumpf: Das ist schwer vorherzusagen. Das liegt daran, dass es noch keinen Präzedenzfall für eine Situation wie diese gibt und wir daher auch keine Vorerfahrungen haben. Für einige Händler, vor allem aus dem Mittelstand, könnte der Virus zum gefürchteten „Schwarzen Schwan“ werden. Naheliegend wäre auch, dass die Kunden für die nächste Zeit verstärkt auf den Online-Handel ausweichen, um soziale Kontakte zu vermeiden, aber auch weil es manchmal nicht anders geht. Wichtige Branchen wie der Lebensmittel- und Drogeriewarenhandel bleiben zwar geöffnet, aber nahezu alles, was nicht unmittelbar lebensnotwendig ist, wie Bekleidungs-, Elektronik- und andere Fachgeschäfte, muss erst einmal schließen. In den USA will Amazon 100.000 Corona-bedingte Stellen zusätzlich schaffen. Jedoch arbeiten auch in den Fulfillment-Centern und Lieferketten Menschen, die ausfallgefährdet sein könnten. Entscheidend ist die Dauer der Geschäftsschließungen: Die meisten Unternehmen schaffen eine Überbrückung von maximal drei bis sechs Wochen Umsatzausfall, danach geht es um die Existenz, zumal vor der Schließung bereits Frequenz- und Umsatzrückgänge zu verzeichnen waren und auch nach der Wiedereröffnung die Frequenz erst langsam wieder hochfahren wird.

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