Gert Waltenbauer  |  KGAL

Verzetteln erwünscht?

Ich glaube an einen direkten positiven Zusammenhang zwischen Fokus und Erfolg. Das gilt in privater wie in beruflicher Hinsicht: Wer seine Energie bündelt und nicht versucht, alles gleichzeitig zu machen, der wird ein vergleichsweise besseres Ergebnis erzielen. Nun erleben wir aber seit Jahren rund um die institutionelle Kapitalanlage eine gegenläufige Tendenz. Investment und Investor sollen immer mehr einer Vielzahl von Zielen und Funktionen gleichzeitig entsprechen; diese werden entweder vom Markt, vom Gesetzgeber oder aus eigenem Antrieb vorgegeben.

Wenn wir eine Versicherung als Beispiel nehmen, liegt deren Daseinszweck in der Altersvorsorge. Es gilt, auskömmliche und sichere Renditen für die Beitragszahler zu erwirtschaften. Dies wird gerade vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung immer wichtiger und anspruchsvoller. Längst gilt es aber auch, zur systemischen Finanzmarktstabilität beizutragen, Stichwort Solvency II. Zudem werden in den beteiligten Unternehmen ethische Gesichtspunkte berücksichtigt, etwa über die jeweiligen geldwäscherechtlichen Verpflichtungen oder den Ausschluss von Kinderarbeit entlang von Produktions- und Lieferketten. Es sind darüber hinaus weitere soziale Gesichtspunkte zu berücksichtigen, ein Beispiel ist die Förderung einer vielfältigen Arbeitnehmerstruktur im eigenen Unternehmen.

Zusätzlich erwartet man vonseiten des Investments, dass Versicherungen und Pensionskassen entstehende Finanzierungslücken in der Realwirtschaft mehr und mehr über Kreditfonds oder Direct Lending auffangen, da sich Banken aus der Finanzierung bestimmter Wirtschaftssegmente teilweise zurückziehen. Dies ist nicht erst im Zuge der Corona-Pandemie verstärkt zu beobachten. Bereits seit Verkündung von Basel III und in Antizipierung von Basel IV wuchs die Finanzierungslücke etwa im Immobilienbereich deutlich. Alternative, vor allem institutionelle Kreditgeber sind diejenigen, die diese Lücke füllen und für den dringend benötigten Neubau akzeptable Finanzierungskonditionen sichern.

Erwartet wird mittlerweile aber auch, dass institutionelle Investoren gesellschaftsrelevante Generationenprojekte mitfinanzieren, etwa die Energiewende. Die öffentliche Hand allein kann den Ausbau beziehungsweise die Finanzierung regenerativer Energien, also deren Erzeugung, die Speicherung und den Netztransport, nicht stemmen. Generell achten institutionelle Investoren auf Nachhaltigkeit, vom CO2-Fußabdruck eigener Büroflächen über die Reisetätigkeit oder Fahrzeugflotte bis hin zu einzelnen Investitionen. Viele Unternehmen fallen dabei unter eine Dokumentationspflicht, müssen also Nachhaltigkeitsberichte oder ESG-Reports erstellen. Dabei fällt auf: Die ESG-bezogene beziehungsweise anlegerorientierte Regulierung nimmt weltweit enorm zu. Allein 2018 kamen laut MSCI mehr Vorschriften hinzu als in den gesamten sechs Jahren zuvor.

Die Aufzählung ließe sich fortsetzen, läuft mit zunehmender Länge aber Gefahr, den Eindruck einer Klageschrift zu vermitteln. Die hier angerissenen Punkte sind für sich genommen alle ausdrücklich nachvollziehbar, sinnvoll und wichtig. Es geht hier vielmehr darum, zu sensibilisieren: Die eigentliche Kernaufgabe ist für viele Unternehmen schlicht um zahlreiche weitere Zielsetzungen angewachsen. Der eingangs erwähnte Fokus auf sichere und rentable Anlagen wird abgeschwächt. Wobei Fokus nicht gleichbedeutend ist mit Scheuklappen, sondern mit punktueller Konzentration. Diese darf sehr wohl auch die eigene gesellschaftliche Verantwortung betreffen.

Schwierig wird es nur, wenn es derart viele Punkte werden, dass sich einzelne Ansprüche und Ziele widersprechen oder miteinander in Konflikt stehen. Spätestens in diesem Fall muss eine ehrliche Diskussion gestattet sein: Wie integriert und priorisiert man die vielen Einzelaspekte? Es wird darum gehen, die richtige Balance zu finden, auch im Zusammenhang mit den eigenen Ansprüchen und jenen des Marktes.

Dieser Artikel erschien am im ABSOLUT REPORT 4/2020.

Haben Sie Anmerkungen oder Fragen? Dann schreiben Sie an den Leiter unserer Redaktion Dr. Josef Girshovich.