Wind und Solar dominieren die Investitionen von Versicherern erneuerbare Infrastruktur, Wasserkraft bleibt oft im Hintergrund. Dabei erfüllt diese Assetklasse viele Anforderungen, die Versicherern an langfristige Kapitalanlagen stellen, schreibt Andreas Grassl, Geschäftsführer der Kapitalanlagegesellschaft Renaio. Wer dort investieren will, braucht jedoch mehr als nur Kapital.
Wer über erneuerbare Energien in Versicherungsportfolios spricht, landet meist bei Wind und Photovoltaik. Beide Segmente sind seit ungefähr seit dem Jahr 2000 stark gewachsen, vergleichsweise leicht zugänglich und in vielen Allokationen längst etabliert. Wasserkraft bleibt dagegen oft im Hintergrund. Das liegt weniger an der Qualität der Assetklasse als an ihrem Markt: Er ist kleiner, kleinteiliger, stärker lokal geprägt und damit schwerer zugänglich als andere Bereiche der erneuerbaren Infrastruktur. Für Versicherer macht jedoch gerade das die Assetklasse interessant. Ihre Portfolios brauchen langfristig belastbare Erträge, reale Substanz und Risikoprofile, die zu langfristigen Verpflichtungen passen. Wasserkraft bringt viele dieser Eigenschaften mit. Die Technologie ist bewährt, geeignete Standorte sind rar, Anlagen laufen über lange Zeiträume und Cashflows lassen sich häufig besser planen als in anderen Renewables-Segmenten. Investitionen in Wasserkraft zielen damit auf Infrastruktur mit langer Nutzungsdauer, niedriger Volatilität und hoher operativer Substanz. Hier unterscheidet sich Wasserkraft deutlich von vielen jüngeren Erneuerbaren-Investments. Wind- und Solarprojekte bewegen sich inzwischen in einem stark standardisierten Markt. Prozesse, Ausschreibungen, Bewertungsmaßstäbe und Investorenkreise sind breit etabliert. Wasserkraft folgt anderen Regeln. Der Wert eines Assets hängt stärker vom konkreten Standort ab, von Wasserrechten, technischem Zustand, Genehmigungslage und Betriebsführung. Das macht die Assetklasse anspruchsvoller, aber auch weniger austauschbar.
Diversifikation im Fokus
Mit wachsender Allokation in Wind- und Solarparks rückt für viele Versicherer zudem eine andere Frage in den Vordergrund: Wie entsteht innerhalb erneuerbarer Infrastruktur echte Diversifikation? Mehr Assets allein reichen dafür nicht aus. Es braucht unterschiedliche Erzeugungsprofile, Marktmechanismen und operative Einflussfaktoren. Wasserkraft folgt weder dem Muster von Sonne noch dem von Wind. Sie hängt von hydrologischen Bedingungen ab, kann je nach Standort stetigere Erzeugungsprofile liefern und bringt dadurch einen eigenständigen Stabilitätsbeitrag in Renewables-Portfolios. Das betrifft die Stromproduktion ebenso wie die Erlösseite. Hinzu kommt: Viele Wasserkraftanlagen hängen nur begrenzt am Spotmarkt. Feste Vergütungen, längerfristige Lieferverträge und lokale Vermarktungsmodelle können die Einnahmen planbarer machen. Für Versicherer, die auf langfristig belastbare Zahlungsströme angewiesen sind, fällt das stark ins Gewicht. Wasserkraft erschließt sich in der Sprache der Assekuranz weniger über Skalierungsdynamik als über Verlässlichkeit.
Die größte Hürde liegt beim Zugang. Der europäische Wasserkraftmarkt ist kein homogener Binnenmarkt. Er besteht aus regionalen Bestandsmärkten, fragmentierten Eigentümerstrukturen, lokalen Betreiberlandschaften und Transaktionen, die häufig außerhalb breiter Auktionsverfahren stattfinden. Familienunternehmen, Kommunen, regionale Energieversorger oder industrielle Eigentümer halten Anlagen oft über Jahrzehnte. Verkäufe entstehen daher eher aus Nachfolgefragen, strategischen Verschiebungen oder Kapitalbedarf als aus standardisierten M&A Prozessen.
Kapital alleine reicht nicht
Wer in diesen Markt investieren will, braucht mehr als Kapital. Gefragt sind Netzwerke, lokale Präsenz, technisches Verständnis und die Fähigkeit, sehr unterschiedliche Anlagen professionell gebündelt zu bewirtschaften. Entscheidend ist dabei nicht schnelle Handelbarkeit, sondern die Qualität der Erträge. Wasserkraftanlagen können, wenn Standort, Technik und Betrieb stimmen, vergleichsweise stabile und gut nachvollziehbare Cashflows liefern. Gerade diese Planbarkeit macht ihren Wert für langfristige Allokationen aus. Für Versicherer ergibt sich daraus ein klares Bild: Wasserkraft bleibt klein genug für potenziell lukrative Marktineffizienzen und bringt zugleich genügend Substanz mit, um langfristig relevant zu sein. Die Assetklasse verbindet reale Infrastruktur mit einem Erzeugungsprofil, das in einem volatileren Stromsystem an Bedeutung gewinnen kann. Sie passt in eine Marktphase, in der neben Renditepotenzial stärker zählt, welche Assets Portfolios widerstandsfähiger machen.
Wasserkraft bleibt eine Nische, aber ist attraktiv
Wasserkraft wird nicht automatisch zum Mainstream. Sie bleibt quantitativ eine attraktive Nische. Aber sie ist eine Nische mit Eigenschaften, die gut zu den Anforderungen der Assekuranz passen: lange Laufzeiten, planbare Cashflows, geringe Korrelation zu vielen anderen Anlageklassen, hohe reale Substanz und ein nachvollziehbarer ESG-Beitrag gerade bei Laufwasserkraftwerken. In Portfolios, in denen erneuerbare Infrastruktur bereits stark vertreten ist, kann gerade diese andere Qualität den Unterschied machen. Die Energiewende braucht Wachstum. Versicherungsportfolios brauchen zusätzlich Stabilität. Darum lohnt sich der Blick auf Wasserkraft.
Andreas Grassl ist Gesellschafter und Geschäftsführer der auf das Management und die Finanzierung von Projekten in den Bereichen Infrastruktur und erneuerbare Energien spezialisierten Kapitalanlagegesellschaft Renaio. In der Kolumne „The Long View” laden wir Branchenexperten ein, über Hintergründe zur Lage der Branche zu schreiben.
Dieser Beitrag erschien am 03.07.2026 auf Versicherungsmonitor.
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