Liebe Leserinnen und Leser,

120 Entscheider aus der Immobilienwirtschaft, ein ausgebuchter Saal im Max Liebermann Haus am Brandenburger Tor und eine Diskussion, die kontroverser nicht hätte sein können: Beim Wohnungspolitischen Abend der PB3C diskutierten am 13. November 2018 Dr. Jan Marco Luczak MdB (CDU), der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg Florian Schmidt (Bündnis 90/Die Grünen), Sebastian Fischer (Vorstand der Primus Immobilien AG) und Jacopo Mingazzini (Vorstand der Accentro Real Estate AG) über die Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze des derzeitigen Wohnungsmarktes.

Hans Jürgen Kulartz, Vorstand der Berliner Sparkasse, fasste in seiner Begrüßung die Geschichte des Max Liebermann Hauses zusammen – von den Höhepunkten in der Kaiserzeit und der Weimarer Republik bis hin zum tragischen Niedergang in der NS-Zeit, dem Abriss in der DDR und dem Wiederaufbau nach der Wende.

Dr. Alexander Fink, Senior Fellow am IREF in Leipzig, gab einen wissenschaftlichen Impuls – seine Einschätzung des deutschen Wohnungsmarktes können Sie in einem exklusiven Redemanuskript für die PB3C GmbH weiter unten lesen. Außerdem haben wir für Sie exklusiv ein Interview mit Dr. Jan-Marco Luczak MdB geführt und Jacopo Mingazzini um einen Gastkommentar zur Bedeutung von Wohneigentum gebeten.

Eine anregende Lektüre wünscht Ihnen

Josef Girshovich

Bilder von der Veranstaltung sehen Sie hier.

 

Jacopo Mingazzini Vorstand der ACCENTRO Real Estate AG

Eigentumsförderung für Normalverdiener geht nur über Bestand

Dass Wohneigentum einen wichtigen gesellschaftlichen Faktor darstellt, ist im Großen und Ganzen unbestritten. Wohneigentum verbessert die Altersvorsorge, schützt vor Altersarmut und entlastet den Mietmarkt. Auch die Bundesregierung hat das inzwischen begriffen und fördert die Bildung von Wohneigentum für private Haushalte durch das Baukindergeld. Finanzielle Förderung ist grundsätzlich auch richtig, führt jedoch ins Leere, wenn potenziellen Wohnungskäufern gar kein sinnvolles Angebot zur Verfügung steht.

Selbst wenn der Wohnungsneubau beschleunigt wird, was dringend nötig ist, können Wohnungskäufer in den Ballungszentren davon kaum profitieren. Denn Neubau ist für die meisten Menschen in Deutschland selbst mit Baukindergeld schlicht zu teuer. Grundstückspreise und Baukosten steigen in den Großstädten kräftig, deshalb müssen Projektentwickler Verkaufspreise ansetzen, die für private Haushalte in der Regel nicht zu stemmen sind. Neubauwohnungen kosten laut dem Forschungsinstitut empirica in Berlin bereits durchschnittlich mehr als 5.000 Euro je Quadratmeter. In Frankfurt und Stuttgart belaufen sich die Quadratmeterpreise im Schnitt auf knapp 6.000 Euro, in München sind es gar mehr als 8.000 Euro. Wenn der Normalverdiener Eigentum erwerben will, geht das zumindest in den Großstädten deshalb in den meisten Fällen nur über den günstigeren Bestand.

Soll die Eigentumsbildung gefördert werden, braucht es ein größeres verfügbares Angebot an Bestandswohnungen. Viele Großstädte, insbesondere Berlin, haben sich aber das genaue Gegenteil zum Ziel gesetzt, nämlich die Zahl der Eigentumswohnungen zu beschränken. Der reine Fokus auf Mieterpolitik in vielen Kommunen konterkariert das grundsätzliche politische Ansinnen, die Wohneigentumsbildung der privaten Haushalte zu unterstützen. Die Politik muss deshalb auch auf Instrumente setzen, die dem Eigentumserwerb von Durchschnittsverdienern förderlich sind.

Eine sinnvolle Möglichkeit zur Erreichung dieses Ziels sind Mieterprivatisierungen. Diese stellen ein effektives und sozialverträgliches Instrument dar, um die Wohneigentumsquote insbesondere in den Großstädten zu erhöhen. Wenn ein Mieter seine Wohnung erwirbt, kann er in seinem bekannten Wohnumfeld bleiben und hat langfristige Sicherheit. Er muss steigende Mieten und Verdrängung nicht mehr fürchten – und ist dank seines Immobilieneigentums vor Altersarmut so gut wie gefeit. Diese Lösung nützt sowohl der anvisierten Erhöhung der Wohneigentumsquote als auch dem Ziel vieler Kommunen, ihre Bewohner vor Verdrängung zu schützen und die Vielfalt ihrer Kieze zu bewahren.

Mieter sollten deshalb unterstützt werden, wenn sie ihre eigene Wohnung erwerben wollen. Dafür nötig wären Erleichterungen und Förderungen für die Mieterprivatisierung – doch das findet in den Kommunen bisher fast gar nicht statt, im Gegenteil sind Eigentumswohnungen in mancher Metropole schlicht unerwünscht. Das dogmatische Beharren auf einer vermeintlich mieterfreundlichen Politik schadet somit auch jenen Mietern, die gerne Eigentum bilden und sich somit noch tiefer in ihrem Heimatkiez verwurzeln wollen.

 

„Der Wohnraummangel bringt akuten Handlungsbedarf mit sich“

Dr. Jan-Marco Luczak, Vorsitzender der Berliner CDU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag und wohnpolitischer Experte der Unionsfraktion, spricht im Interview über die Wohnungspolitik in Deutschland.

Die Große Koalition hat angesichts der Wohnungsknappheit eine Wohnraumoffensive angekündigt, Ende September traf man sich diesbezüglich zu einem Wohngipfel im Kanzleramt. Wie kommt die Offensive voran, etwa in Sachen Baulandausweisung und Erleichterung von Genehmigungsverfahren?

Dr. Jan-Marco Luczak: Zur Baulandmobilisierung berät bereits eine Expertenkommission, in der neben Politik und Wissenschaft auch die Immobilienwirtschaft vertreten ist. Voraussichtlich im Frühjahr wird die Kommission konkrete und praktikable Vorschläge machen, wie Baulandpotenziale, die es in Deutschland auch in Ballungsregionen zweifellos noch gibt, besser und schneller erschlossen werden können. Auf dem Wohngipfel wurden außerdem Maßnahmen beschlossen, wie Genehmigungsverfahren beschleunigt und das serielle und modulare Bauen vereinfacht werden können. Das sind sinnvolle Beschlüsse, die umgesetzt werden müssen, allerdings auch viel Abstimmung zwischen Bund, Ländern und Kommunen benötigen. Mit dem Baukindergeld und der Sicherung des sozialen Wohnungsbaus über 2019 hinaus hat die Große Koalition bereits einiges auf den Weg gebracht, was den Wohnungsbau ankurbeln wird. Die Union setzt sich außerdem für eine Sonder-AfA für Mietwohnungsbau ein. Hier muss sich die SPD bewegen.

Ist das Ziel von 1,5 Millionen neuen Wohnungen bis Ende 2021 noch realistisch? Was kann und sollte die Politik tun, damit das Ziel erreicht werden kann?

Die Marke von 1,5 Millionen Wohnungen ist ambitioniert, aber es ist gut, dass sich die Große Koalition ein so ehrgeiziges Ziel gesteckt hat. Viele Maßnahmen, die zur Erreichung dieses Ziels beitragen, sind bereits im Koalitionsvertrag und im Eckpunktepapier des Wohngipfels festgehalten. Tatsache aber ist, dass bis 2021 nicht mehr viel Zeit bleibt und der Wohnraummangel kein Zukunftsproblem darstellt, sondern akuten Handlungsbedarf mit sich bringt. Deshalb müssen wir uns auf eine möglichst schnelle Umsetzung der vielen guten Ideen und Lösungen konzentrieren.

Die Immobilienwirtschaft kritisiert, dass die Bundesregierung wohnungspolitisch nach wie vor insbesondere durch Regulierungen im Mietrecht auffällt, beispielsweise hinsichtlich Mietpreisbremse, Modernisierungsumlage und Mietspiegel. Warum beharren Union und SPD weiter darauf, sich vor allem auf die Mietenpolitik zu fokussieren?

Das Mietrecht ist kein Allheilmittel, sondern eine von mehreren Stellschrauben für bezahlbares Wohnen. Steigende Mieten sind in vielen Städten ein wirkliches Problem. Wir als Union nehmen das sehr ernst. Deswegen haben wir ein umfassendes Paket vereinbart, wie wir Mieter besser vor steigenden Mieten schützen. Zentral ist, dass wir mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und Mieter in die Lage versetzen, ihre Rechte geltend zu machen. Dazu führen wir eine Auskunftspflicht für Vermieter ein, wenn sie von der Mietpreisbremse abweichen wollen. Außerdem ist es unser Ziel, dass Menschen nicht aus ihren angestammten Wohnvierteln verdrängt werden. Mir ist wichtig, dass Mieter sich ihre Wohnung auch noch nach einer Modernisierung leisten können. Die Änderungen bei der Modernisierungsmieterhöhung haben wir darum so gestaltet, dass eine Mietwohnung auch nach einer Modernisierung noch bezahlbar ist. Gleichzeitig bleiben Maßnahmen wie energetische Sanierung und ein altersgerechter Umbau für Eigentümer wirtschaftlich tragbar. Das Mieterschutzpaket ist in dieser Form ein ausgewogener Kompromiss. Weitergehende Forderungen nach mehr Regulierung, wie beispielsweise ein von der SPD geforderter Mietenstopp, oder eine Ausweitung des Betrachtungszeitraums der ortsüblichen Vergleichsmiete für die Erstellung von Mietspiegeln, lehne ich ab. Aus meiner Sicht darf der Mietspiegel nicht zu einem politischen Steuerungselement verkommen.

In Berlin erschweren beziehungsweise verhindern Senat und Bezirke durch Milieuschutzgebiete und die verstärkte Ausübung des Vorkaufsrechts private Investitionen in Wohnraum. Ist das der richtige Weg, um die Probleme auf dem Wohnungsmarkt in der Bundeshauptstadt zu beheben?

Als erstes brauchen wir Rahmenbedingungen, um mehr, schneller und kostengünstiger bezahlbaren Wohnraum zu bauen. Das kann der Staat nicht alleine schaffen. Hier brauchen wir auch private Investitionen in den Wohnungsbau. Der Berliner Senat sollte seinen Fokus darauf legen, hierfür die Bedingungen zu verbessern. Das Vorkaufsrecht der Bezirke sehe ich kritisch. Es wird viel Steuergeld in die Hand genommen, womit aber nur wenigen Mietern geholfen werden kann. Das Geld sollte besser in den dringend benötigten Bau neuer Wohnungen investiert werden. Das würde mehr Menschen helfen. In Berlin können wir allerdings ein zunehmend schwieriges Umfeld für dringend benötigte Investitionen beobachten. Der rot-rot-grüne Senat sorgt hier also auch noch für eine Verschärfung der Probleme.

Bundesjustizministerin Katharina Barley (SPD) will das Bestellerprinzip für Immobilienverkäufe rasch einführen. Wie steht die CDU zum Bestellerprinzip?

Es ist richtig, dass Immobilienkäufer bei den Erwerbsnebenkosten entlastet werden müssen, damit mehr Familien der Weg in die eigenen vier Wände ermöglicht wird. Die Einführung eines verbindlichen Bestellerprinzips stellt in meinen Augen einen erheblichen Eingriff in die Privatautonomie dar. Dafür bedarf es einer Rechtfertigung. In der Mehrzahl der Länder werden die Maklerkosten zwischen Verkäufer und Käufer geteilt. Dieser Marktstandard hat sich entwickelt, ohne dass es hierfür eines regulierenden Eingriffs bedurft hätte. Es stellt sich also die Frage, ob der Gesetzgeber hier überhaupt handeln muss. Überdies besteht die Gefahr, dass Verkäufer die Provision einfach auf den Kaufpreis aufschlagen. Dadurch würden Käufer sogar zusätzlich belastet. Es hat schon seinen Grund, warum das Bestellerprinzip nicht im Koalitionsvertrag vereinbart wurde. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoller, über eine Senkung der Grunderwerbsteuer nachzudenken, um Familien zu entlasten.

Die jährlichen Einnahmen aus der Grunderwerbsteuer stiegen von 4,9 Milliarden Euro im Jahr 2009 auf zuletzt 13,1 Milliarden Euro an, der Steuersatz ist in einigen Bundesländern inzwischen auf 6,5 Prozent angestiegen. Wann wird sich die Politik dazu durchringen, die Grunderwerbsteuer zu senken oder Freibeträge einzuführen, um die Eigentumsbildung in Deutschland zu fördern?

Tatsächlich verhindert die stetig steigende Grunderwerbsteuer die Bildung von Wohneigentum und treibt Mieten weiter in die Höhe. Bund und Länder sind deshalb in der Pflicht, hier für eine Entlastung zu sorgen. Ich bin dafür, dass der Bund Freibeträge beispielsweise für selbstgenutztes Eigentum einführt. Das würde die Eigentumsbildung direkt und effizient fördern. Dazu haben wir auch eine Vereinbarung im Koalitionsvertrag. Leider höre ich dazu bisher sehr wenig von dem zuständigen SPD-Bundesminister.

(Foto: Yves Sucksdorff, Quelle: www.luczak-berlin.de)

 

Dr. Alexander Fink Ökonom am Institut für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig

Der deutsche Wohnungsmarkt ist in guter Verfassung

Dr. Alexander Fink, Ökonom am Institut für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig und Senior Fellow am Institute for Research in Economic and Fiscal Issues, hielt beim Wohnungspolitischen Abend am 13. November 2018 einen Impulsvortrag zur Lage des deutschen Wohnungsmarktes. Lesen Sie hier das Manuskript.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute zu Ihnen sprechen zu können. Ich wurde beauftragt, etwas Kontroverses zum Besten zu geben. Das werde ich versuchen und möglicherweise werde ich mich sogleich bei vielen hier unbeliebt machen. Ich werde nämlich argumentieren, dass der Wohnungsmarkt in Deutschland in guter Verfassung ist – eine derzeit anscheinend ungewöhnliche Position, der jedoch vor zehn Jahren noch die meisten zugestimmt hätten.

Es scheint sich eingebürgert zu haben, bei vielen Themen, die zu Recht mit harten Bandagen diskutiert werden, weil sie von herausragender Relevanz sind, den Status Quo nicht schlicht als gut und verbesserungswürdig zu charakterisieren, sondern als katastrophal. Warum die Situation katastrophal ist und welche Symptome auf die Katastrophe hindeuten – diesbezüglich gehen die Meinungen in der Regel freilich weit auseinander. Einigkeit besteht allerdings häufig hinsichtlich der Diagnose, dass es sich um eine Katastrophe handelt – ich formuliere hier bewusst – ein wenig – überspitzt.

So finden sich bezüglich des Wohnungsmarktes Stimmen, die Regulierungen wie die Mietpreisbremse, Brandschutzauflagen, den Milieuschutz, langwierige Genehmigungsverfahren, energetische Auflagen oder eine zu zurückhaltende Ausweisung von Bauland in den Vordergrund stellen. Für die Katastrophe auf dem deutschen Wohnungsmarkt sind in diesem Narrativ verschiedene Vertreter des Staates verantwortlich.

Es finden sich auch Stimmen, die hinweisen auf skrupellose Vermieter, die ihre Mieter mit rechtlichen Mitteln schikanieren, Investoren, die Möglichkeiten zur Mieterhöhung vollständig ausnutzen, unnötige Modernisierungsmaßnahmen und den Zufluss von Kapital in den deutschen Immobilienmarkt. Für die Katastrophe auf dem deutschen Wohnungsmarkt sind in diesem Narrativ verantwortlich die Marktteilnehmer auf der Angebotsseite. Die Vertreter des Staates versagen insofern, als sie dem Gebaren der Anbieter nicht ausreichend Einhalt gebieten.

Diese zwei exemplarisch vorgestellten Gruppen von Stimmen haben beide Argumente, die es ernst zu nehmen gilt. Falsch liegen beide jedoch bezüglich der Beobachtung, die Lage auf dem deutschen Wohnimmobilienmarkt sei katastrophal.

Wissend, dass es in einer imperfekten Welt immer besser geht, werde ich versuchen darzulegen, warum ich zu dem Schluss komme, dass deutsche Wohnungsmarkt in guter Verfassung ist.

Die letzten Jahre waren außergewöhnlich. In gewisser Hinsicht ähnlich außergewöhnlich wie die frühen 1990er-Jahre. Nach dem Bauboom der 1990er-Jahre wurden in Deutschland in den 2000er-Jahren immer weniger Wohnungen fertiggestellt, bis es in den Jahren 2009 und 2010 jeweils unter 160.000 Einheiten waren. Diskutiert wurde in den 2000er-Jahren nicht nur, wie man Städte wachsen lassen kann, sondern auch wie der Rückbau zu gestalten ist. Es passt ins Bild, dass die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung in Berlin 2002 davon ausging, Berlin werde von damals 3,4 Millionen Einwohnern bis 2020 auf 3,5 Millionen Einwohner anwachsen. Das war wohlgemerkt das Boom-Szenario. Ende 2017 waren es mehr als 3,7 Millionen.

Nicht nur in Berlin nahm die Einwohnerzahl in den letzten Jahren – zum Teil überraschend –zu, sondern auch in anderen Städten. Zum einen zog es seit etwa Mitte der 2000er-Jahre Menschen innerhalb Deutschlands aus den ländlichen Regionen in die Städte. Im Anschluss an die Finanzkrise 2008/2009 wurden deutsche Städte vor allem für mobile junge Menschen aus Ländern wie Spanien, Portugal, Italien und Griechenland attraktiv. Ab 2011 genossen dann Personen aus den neu beigetretenen osteuropäischen EU-Ländern die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der EU, ab 2014 galt das auch für Personen aus Rumänien und Bulgarien. Ab 2015 kam es dann zu einem deutlichen Anstieg des Wanderungssaldos aus Drittstaaten.

Der Wanderungssaldo für Deutschland belief sich von 2011 bis 2017 auf jährlich durchschnittlich 360.000 Personen. Von 2001 bis 2007 waren es durchschnittlich etwa 120.000 Personen. Im Gegensatz zu dem Trend hin zu mehr 1-Personen Haushalten und einer größeren Wohnfläche pro Person waren das abrupte Ereignisse – in unserer Sprache, der Sprache der Ökonomen – sogenannte „Nachfrageschocks“.

Die Wanderungen innerhalb Deutschlands aus den ländlichen Regionen in die Städte ab Mitte der 2000er Jahre wurden in vielen Städten nicht begleitet durch eine Zunahme der Bauaktivität, sondern vornehmlich durch den Abbau von Leerständen. Es ist deshalb keine Überraschung, dass die Mieten begannen zu steigen, zunächst verhalten und dann stärker vor allem ab 2010.

Seit 2011 wird in Deutschland allerdings deutlich mehr gebaut. 2017 wurden immerhin 285.000 Wohnungen fertiggestellt. Dieses Jahr werden es wohl ähnlich viele.

Diese Entwicklungen deuten auf eine gute Verfassung des Wohhungsmarktes in Deutschland hin. Es geschah gerade das, was wir erwarten würden. Der überraschende Anstieg der Nachfrage nach Wohnraum – insbesondere in Städten – führte zunächst vor allem zu Preisanpassungen. Die Mieten stiegen. Mit etwas Verzögerung – keine Überraschung bei Immobilien, die nicht innerhalb von Tagen zu errichten sind, – führte die Preisanpassung zu einer Mengenanpassung. Es wurde deutlich mehr gebaut. Die Mengenanpassung trug dazu bei, dass die Preisanpassung nicht noch deutlicher ausgefallen ist, die Mieten also nicht noch stärker gestiegen sind. Dieser dämpfende Effekt der Mengenanpassung wird überspielt durch die weiter gestiegenen Mieten, dennoch ist er da.

Der Anstieg der Kaufpreise ist im Übrigen vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen: Erstens den Mietanstieg, der durch einen Nachfrageanstieg herbeigeführt wurde. Zweitens die Zinssenkungen der Notenbanken der vergangenen Jahre. Beide Entwicklungen machten Immobilien zu Investitionen mit relativ attraktiver Rendite. Es ist nicht zutreffend, dass die Mieten gestiegen sind, weil die Kaufpreise gestiegen sind. Hier ist es angebracht, auf den manchmal nervtötenden Hinweis zu verweisen: „Korrelation impliziert keine Kausalität.“

Die Mieterhöhungen auch bei Bestandsmieten sind möglich, weil die Nachfrage nach Wohnungen und dadurch die Mieten bei Neuvermietungen gestiegen sind. Die Möglichkeit zur Mieterhöhung in bestehenden Mietverhältnissen – durch Anpassung an die ortsübliche Miete oder Modernisierungsmaßnahmen – ist übrigens eine weitere Stärke des deutschen Wohnungsmarktes – ohne sie wäre in Jahren steigender Mieten der Mismatch zwischen Mietern und Wohnungen noch höher und noch mehr junge Familien würden in „zu kleinen“ und noch mehr Personen, deren Kinder bereits ausgezogen sind, in „zu großen“ Wohnungen leben.

Noch einmal: Es geschah auf dem Markt für Wohnungen in den letzten Jahren genau das, was wir erwarten würden. Anders als in der Öffentlichkeit wahrgenommen, sind Ökonomen mit einer Reihe von Ursachen von Marktversagen bestens vertraut – ein Preisanstieg in Folge eines Nachfrageanstiegs ist gewiss kein Hinweis auf Marktversagen – im Gegenteil. Hier führt das Verhalten der Marktteilnehmer auf allen Seiten gerade zu dem erwarteten Ergebnis – inklusive der Angebotsausweitung durch Steigerung der Bautätigkeit, die ganz besonders Hinweis auf eine gute Verfassung des Wohnungsmarktes ist. Denn daran hapert es beispielsweise in England – vor allem im Süden – und an den Küsten der USA.

Und obwohl ich auch die Entwicklung auf der Angebotsseite als grundsätzlich positiv einschätze, sehe ich hier das meiste Verbesserungspotenzial – vor allem durch staatliche Maßnahmen. Die Kommunen und der Bund sollten flexibel zusätzliche Flächen zur Bebauung dort zur Verfügung stellen, wo sie besonders knapp sind, damit die ausgelastete Baubranche auch gerade dort baut. Wo das in Ballungsgebieten nicht mehr möglich ist, sollten sie Barrieren entfernen, die dem Bauen in die Höhe im Wege stehen und so gewissermaßen die Produktion zusätzlicher Baufläche verhindern – übereinander wohnt es sich in der dicht besiedelten Stadt nicht nur günstiger, sondern auch energieschonender als nebeneinander.

Dass es dem Staat – dem Bund, den Ländern und den Kommunen – gelingt, einen Regelrahmen zu schaffen beziehungsweise aufrecht zu erhalten, der eine deutliche Ausweitung der Bauaktivität als Antwort auf einen Nachfrageanstieg zulässt, ist maßgeblich entscheidend für die fortgesetzte Funktionsfähigkeit des Wohnungsmarktes.

Nicht maßgeblich sind meines Erachtens Maßnahmen wie die folgenden:

– Zum Beispiel: Das Baukindergeld, das ich aus zwei Gründen ablehne. Erstens ist es vor allem ein Transfer an gut situierte Familien der Mittelschicht und an Bauträger, der kaum zu mehr Wohnungen führt. Zweitens erachte ich die niedrige Wohneigentumsquote in Deutschland nicht als Problem, sondern als Nebeneneffekt eines gut funktionierenden Mietmarktes, auf dem Mieter nicht stigmatisiert sind.

– Zum Beispiel: Die Mietpreisbremse, die ich ablehne, weil sie keine personengebundene Förderung bietet und zudem Mieter und Vermieter als Gegner statt als Kooperationspartner erscheinen lässt.

– Zum Beispiel: Die Wohngelderhöhung, die ich befürworte, weil sie auf förderbedürftige Personen bezogen die Härte der Preisanpassung abfedert und ausläuft, wenn keine Förderbedürtigkeit mehr besteht.

– Zum Beispiel: Die verschiedenen Maßnahmen des Milieuschutzes, die ich ablehne, weil objektbezogen der Status Quo konserviert wird.

– Zum Beispiel: Sonderabschreibungen, die ich ablehne, weil sie Investitionsentscheidungen verzerren – denken Sie an die 1990er-Jahre.

Um zusammenzufassen: Es ist Nüchternheit angebracht, auch bei der Analyse des Wohnungsmarktes. Zum Anstieg der Mieten in den letzten Jahren trug maßgeblich ein Anstieg der Nachfrage nach Wohnungen bei, insbesondere in den Städten. Die Mietentwicklung ist gemeinsam mit der Zinsentwicklung auch entscheidend für den starken Anstieg der Kaufpreise. Auf die Erhöhungen von Mieten und Kaufpreisen erfolgte jedoch die erwartete Angebotsausweitung, die – obwohl sie hätte noch stärker ausfallen können – ein Zeichen für die gute Verfassung des Wohungsmarktes in Deutschland ist.

Das Glas ist mehr als halb voll.

Lassen Sie mich schließen mit dem Hinweis darauf, dass steigende Mieten in Großstädten – insbesondere temporär steigende Mieten – auch ein Hinweis darauf sind, dass die Städte funktionieren. Eine erfolgreiche Stadt zieht Menschen an – reiche und arme –, die in die Stadt kommen wegen der städtischen Annehmlichkeiten – Jobs, andere Menschen, Bars, Theater, Restaurants, Museen, Parks – Erlebnisse. Berlin scheint dafür Paradebeispiel zu sein und attrahierte in den letzten Jahren junge Studierende, Geringqualifizierte, Durchschnittlichqualifizierte und Hochqualifizierte gleichermaßen. Je erfolgreicher eine Stadt, desto stärker steigt jedoch die Nachfrage nach Wohnraum. Und desto entscheidender ist für den fortgesetzten Erfolg der Stadt, dass das Angebot an Wohnraum mitwachsen kann.